Irans Generäle wollen die Kontrolle über Hormuz nicht aufgeben. Nun wird in der Region unter Hochdruck an Alternativrouten gebaut
Die Ära nach Hormuz beginnt. Bis Ende 2028 könnten bereits 60 Prozent des Erdöls über Pipelines transportiert werden, wie eine neue Goldman-Sachs-Studie zeigt.
Erst waren es Störfeuer, nun geht der Krieg zwischen Iran und den USA weiter wie vor dem vermeintlich erfolgreichen Memorandum of Understanding, das ihn hätte beenden sollen. Amerikas Luftwaffe beschiesst Militär- und Infrastrukturanlagen wie Brücken. Iran zielt auf amerikanische Militäranlagen in den arabischen Staaten am Golf. Am Donnerstag blockierten Irans Revolutionswächter erneut die Meerenge von Hormuz und liessen verlauten: «Solange uns die USA bombardieren, erlauben wir keinen Transport von Rohöl und Flüssiggas.» So vermeldete es die iranische Nachrichtenagentur Tasnim.
Die Verkehrsader vor Irans Küste bestimmt den Puls der Weltwirtschaft: Bis Kriegsbeginn wurde ein Viertel der globalen Rohöllieferungen durch die Wasserstrasse geschleust, aber auch Flüssiggas, Düngemittel, Helium und zahlreiche weitere essenzielle Rohstoffe und Waren.
Teheran hatte oft damit gedroht, Hormuz zu schliessen. Doch der langjährige Oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei setzte auf die «strategische Geduld», ein Markenzeichen Irans, und machte die Drohung nie wahr. Doch dann wurde Khamenei beim Angriff der USA und Israels im vergangenen Februar in den ersten Stunden getötet. Seither sind die Kommandanten der Revolutionswächter an der Macht, die als Erstes die Wasserstrasse von Hormuz blockierten. Und sie sind nicht mehr bereit, die Kontrolle der Meerenge aufzugeben. Sie sehen Hormuz als ihre «nukleare Waffe».
Generäle könnten sich verrechnen
Im Memorandum of Understanding hatten die USA als Preis für das Ende des Krieges die freie Schifffahrt entlang des Seeweges gefordert. Dafür sollte Iran sein Rohöl ohne Sanktionen verkaufen und auf eingefrorene Konten im Ausland zugreifen können. Doch Teheran hat kein Vertrauen in diese amerikanischen Versprechen. Irans mächtige Generäle wollen Hormuz um jeden Preis behalten. Tanker, die nicht unter der Kontrolle Teherans die Wasserstrasse passierten, wurden deshalb angegriffen, und der Krieg begann von neuem.
Doch die Generäle der Revolutionswächter, die faktischen Machthaber des Landes, könnten sich mit ihrer Haltung zu Hormuz verrechnen. Denn die Welt dreht sich weiter trotz ihrer Blockade. Die Ära nach Hormuz hat im Grunde bereits begonnen.
Die Golfstaaten wollen eine Menge Geld investieren, um neue Wege für Waren und Rohstoffe zu planen und zu bauen. Bis zu 250 Milliarden US-Dollar lassen sie sich ihre Projekte kosten. Es geht dabei vor allem um neue Pipelines für das Rohöl. Investiert wird aber auch in ein neues Strassen- und Schienennetz. Fünf neue Bahnverbindungen zwischen den Industriezonen und Häfen werden in Saudiarabien entstehen, Strassen bis Jordanien und Verkehrsverbindungen zwischen den Golfstaaten.
Alle Projekte haben ein Ziel: Sie sollen die Handelsströme an Hormuz vorbeileiten. «Mit diesen Alternativen wird die Strasse von Hormuz als Waffe entschärft», fasst es der in Dubai lebende Energieexperte Robin Mills zusammen. Viele dieser Pläne sind zwar nicht erst gestern entstanden, aber durch den Iran-Krieg werden sie mit Entschlossenheit und viel Tempo umgesetzt. Die Blockade Irans könnte damit also eine Zeitenwende angestossen haben.
Javier Blas zählt seit langem zu den führenden Journalisten und Autoren im Rohstoffsektor. Er beobachtet derzeit einen regelrechten Umbruch. «Ich gehe davon aus, dass bis 2030 die Strasse von Hormuz als Rohstoffroute massiv an Bedeutung verlieren wird», sagt er. Natürlich hätten auch die Bypassrouten Schwachstellen, aber am Schluss werde Hormuz ausgedient haben. «Iran überschätzt sich gerade gewaltig», sagt er.
Iran droht ein Pyrrhussieg. Das ahnt wohl auch Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf, der auf iranischer Seite die Verhandlungen mit den USA führt. Er sagte kürzlich in einem TV-Interview, wohl an die Generäle gerichtet: «Die Strasse von Hormuz hat nur dann einen Wert, wenn der Verkehr dort wieder zunimmt, nicht wenn er lahmgelegt ist.»
Im Vordergrund steht derzeit vor allem der Ausbau des Pipelinenetzes in der Region. Von Saudiarabien über die Emirate bis in den Irak wird an gigantischen Infrastrukturprojekten gearbeitet.
Das Potenzial ist enorm, wie eine aktuelle Analyse des Finanzdienstleisters Goldman Sachs zeigt. «Bereits bis Ende 2027 könnten 45 Prozent des Rohöls aus der Region über Pipelines exportiert werden und wären so vor dem Risiko eines Transits durch Hormuz geschützt. Ende 2028 werden es voraussichtlich bereits 60 Prozent sein», sagt Alexandra Paulus der «NZZ am Sonntag». Sie ist die Autorin der Studie und Analystin im Rohstoff-Research der Bank.
Sie spricht von einer regelrechten «Transformation der Exportrouten».
Saudiarabien und die Emirate sind bei den Projekten führend, da sie bereits vor Jahrzehnten begonnen haben, sich aus der Abhängigkeit von Hormuz zu lösen. Impuls dafür war auch damals ein Krieg, und zwar jener zwischen Iran und dem Irak in den achtziger Jahren. Beide Kriegsparteien versuchten, mit Angriffen auf Frachter im Persischen Golf Druck auf die internationale Staatenwelt zu erzeugen. Denn plötzlich waren Exporte durch Hormuz keine Selbstverständlichkeit mehr.
Als Geldverschwendung verlacht
Die führenden Golfmonarchien reagierten und liessen die Bagger auffahren: Saudiarabiens staatlicher Ölkonzern Aramco übernahm dabei eine Pionierrolle. Die Ost-West-Pipeline, die «Petroline», wurde auf einer Strecke von 1200 Kilometern zwischen den Ölfeldern um Abqaiq im Osten des Landes bis zum Hafen Yanbu am Roten Meer errichtet. Ein Bypass, der Hormuz völlig ausklammerte.
Die Vereinigten Arabischen Emirate investierten in die 380 Kilometer lange Ost-West-Pipeline Adcop (Abu Dhabi Crude Oil Pipeline) zwischen Habshan, wo Rohöl gefördert wird, und dem Hafen in Fujairah, der am Golf von Oman und somit ausserhalb der Strasse von Hormuz liegt.
Diese Pipeline, die erst 2012 in Betrieb ging, wurde lange als Geldverschwendung grössenwahnsinniger Scheichs belächelt. Nun ist sie Gold wert und wird als zukunftsweisende Investition gefeiert. Saudiarabien und die Emirate sind durch ihre Pipelines deutlich widerstandsfähiger als etwa Kuwait, das völlig vom Export via Hormuz abhängig ist und seit April keine Rohstoffe mehr exportieren konnte. Auch Katars Flüssiggaslieferungen sind um 90 Prozent zurückgegangen.
Zwar geriet der Hafen Fujairah mehrmals unter Beschuss, zuletzt vor wenigen Tagen. Doch die Emirate sind entschlossen, diese Pipeline und den Terminal massiv auszubauen. Die Arbeiten starteten schon vor dem Krieg, deshalb haben sie nun einen Vorsprung. Seit sie aus dem Rohstoffkartell Opec ausgestiegen sind, haben die Emirate ein grosses Interesse, ihre Exporte weiter anzukurbeln.
Die Emirate können über diese Pipeline 1,5 Millionen Barrel Öl pro Tag exportieren; immerhin halb so viel wie vor dem Krieg. Nun wird nicht nur die Adcop erweitert, sondern parallel dazu eine zweite Pipeline. Nächstes Jahr soll sie fertiggestellt werden und soll täglich 3,6 Millionen Barrel Öl transportieren können. Darüber hinaus investieren die Emirate in unterirdische Speicheranlagen, die bis zu 42 Millionen Barrel Öl fassen.
Saudiarabien muss ebenfalls in die Weiterentwicklung seiner Infrastruktur investieren, auch wenn die «Petroline» zum robustesten Schutzschild der Weltwirtschaft geworden ist. Exporte über diese Pipeline sind während des Krieges auf bis zu sieben Millionen Barrel pro Tag angestiegen. Geplant ist auch, dass Kuwait an dieses Pipelinenetz angedockt wird.
Ganz ohne Risiko sind diese Pipelines aber nicht. Denn die Transportkapazität am Roten Meer könnte an ihre Grenzen gelangen, und die mit Iran verbündete Huthi-Miliz in Jemen könnte die Meerenge Bab al-Mandab blockieren. Damit wäre der Weg von Yanbu zu den Erdölkunden in Asien versperrt.
Ausweg des Iraks
Besonders aktiv vorangetrieben wird derzeit aber auch das Leitungsnetz im Irak. Auch dieses Land wurde durch die Hormuz-Blockade massiv getroffen. Die bislang einzige Alternativroute ist eine Pipeline, die von Kirkuk nach Ceyhan in der Türkei reicht. Über diese werden seit März aber täglich bloss 250 000 Barrel Öl transportiert, ein Bruchteil der irakischen Kapazitäten. Die Pipeline wurde erst im September 2025 nach einem Betriebsstopp von mehr als zwei Jahren wieder in Betrieb genommen.
Pläne und Arbeiten zum Neubau und zur Reaktivierung bestehender Pipelines haben auch im Irak vor dem Krieg begonnen, aber nun fliesst viel Geld in diese Projekte. Kernstück ist eine 700 Kilometer lange Verlängerung der Pipeline von der südlichen Hafenstadt Basra an den Knotenpunkt Haditha, von wo aus sie in Richtung dreier Häfen abzweigen soll: nach Ceyhan in der Türkei, entlang einer alten Route nach Akaba in Jordanien und auch in Richtung Baniyas, einem syrischen Hafen am Mittelmeer. Hier gibt es zwar schon eine alte Pipeline, sie wurde allerdings im Krieg der USA gegen den Irak 2003 massiv beschädigt.
Das Projekt umsetzen soll ein Konsortium mit dem US-Ölkonzern Chevron, dem in Los Angeles ansässigen US-Unternehmen TI Capital und der katarischen Gruppe UCC. Als Ali al-Zaidi, der neue Regierungschef des Iraks, am 14. Juli im Weissen Haus geradezu euphorisch empfangen wurde, versprach US-Präsident Donald Trump: «Wir werden in den nächsten Wochen einen grossen Öl-Deal verkünden.»
Zahlreiche Routen werden auch durch Syrien führen. Pipelines, aber auch Strassen- und Bahnprojekte sind geplant. Dazu zählt die Wiederaufnahme der historischen «Hejaz-Linie», einer Eisenbahnverbindung von der Türkei nach Saudiarabien, die über Syrien und Jordanien führt. Es soll eine Route werden für den Güterverkehr bis nach Europa, wie der türkische Transportminister Abdulkadir Uraloglu Ende Juni betonte: «Wir hoffen, so eine Alternative zu Hormuz zu schaffen.»
Auch die Türkei möchte in diesem neuen Logistiknetz mitmischen. Schon seit langem wird am Konzept einer 1200 Kilometer langen Türkei-Irak-Entwicklungsstrasse gefeilt. Nun erhält das Projekt neuen Auftrieb.
Gleichzeitig forcieren die USA und Indien ein Konkurrenzprojekt: den India-Middle East-Europe Economic Corridor. Er wurde 2023 präsentiert und verfolgte das Ziel, Handelskorridore durch und aus dem Nahen Osten zu schaffen, um die Engstellen an der Strasse von Hormuz sowie Bab el-Mandeb umfahren zu können.
Der Wettlauf der Infrastrukturprojekte wird gerade massiv beschleunigt. «Eine Seidenstrasse des 21. Jahrhunderts ist am Entstehen», formuliert es Allison Minor, Direktorin für Nahost-Integration am Think-Tank Atlantic Council. «Diese Infrastrukturprojekte werden nicht nur die Handelswege neu gestalten. Sie können in wirtschaftliche und politische Kooperation übersetzt werden, zu einem Integrationsmotor werden», sagt sie, vergleichbar mit der Bedeutung der Montanunion, der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die ein Vorläufer der Europäischen Union war.
Die neuen Verkehrsadern durch zahlreiche Länder im Nahen und Mittleren Osten könnten tatsächlich den Weg für neue Allianzen ebnen. Und vielleicht auch für mehr Frieden.
Facts Only
* A Goldman Sachs study suggests 60 percent of crude oil transport could occur via pipelines by the end of 2028.
* Iran's Revolutionary Guards blocked the Strait of Hormuz, citing US bombardment as a reason not to allow oil and gas transit.
* Historically, a quarter of global crude oil deliveries were routed through the waterway before the conflict began.
* The leadership of the Revolutionary Guards currently controls the Iranian forces that blocked the Strait.
* The Memorandum of Understanding requested free navigation rights for the US in exchange for Iran selling oil without sanctions.
* Gulf states plan to invest up to 250 billion US dollars into new infrastructure projects, including pipelines and road/rail networks.
* Projects aim to route trade flows around Hormuz.
* Pipelines connecting Saudi Arabia and the UAE bypass Hormuz, such as the Petroline and Adcop.
* The pipeline network is projected to facilitate the export of 45 percent of regional oil via pipelines by the end of 2027, potentially reaching 60 percent by the end of 2028.
* An alternative route in Iraq involves a pipeline from Kirkuk to Ceyhan, Turkey, currently transporting only 250,000 barrels daily.
