Die Lage am Morgen Der Kanzler lässt sich mal wieder blicken
Heute geht es um den Besuch des Kanzlers im Waldbrandgebiet. Um die auffällig vorsichtige Wortwahl des Innenministers. Und um die Frage, ob die Bundeswehr die vielen Rüstungsmilliarden falsch ausgibt.
An die Arbeit
Es kommt nicht oft vor, dass nach einem langen Urlaub der erste berufliche Termin auf einen Samstag fällt. Die meisten Menschen wissen das letzte Ferienwochenende gut zu nutzen: Einmal noch an den See fahren, endlich mal dieses komplizierte Rezept nachkochen. Den Kanzler aber drängt es offenbar zurück an die Arbeit.
Kanzler Merz: »Gegebenenfalls etwas sagen«
Foto: Anna Ziegler / DER SPIEGELWochenende? Merz hat Termine.
Die plötzliche Aktivität könnte damit zusammenhängen, dass Merz nach seiner gut dreiwöchigen, hoffentlich erholsamen Auszeit den Eindruck widerlegen möchte, ihm seien die Pflichten des Kanzlerdaseins bereits lästig geworden. Dass er sich wochenlang nicht blicken ließ, obwohl der Leipziger Flughafen in dieser Zeit nur knapp einem Anschlag entging und die Dürre Industrie und Landwirten hierzulande schwer zusetzte, gab jedenfalls Anlass zu Spekulationen (mehr hier ).
Nun ist der Kanzler zurück. Er besucht heute Nachmittag Hürtgenwald in der Eifel – einen Tag, nachdem der Waldbrand dort endlich gelöscht ist. Merz möchte sich über die Lage vor Ort informieren und den Helfern danken.
Als der Kanzler bei seiner Sommerpressekonferenz Mitte Juli auf die Hitze und deren Opfer angesprochen wurde, sagte er, er werde, »wenn sich diese Wetterentwicklungen fortsetzen, die Lage weiter beobachten und dazu gegebenenfalls auch öffentlich etwas sagen«. Was er dann doch nicht tat. Heute hat Merz Gelegenheit dazu.
Mehr Hintergründe: Merz will Waldbrandhelfern in NRW danken
»Fremde Mächte« mal wieder
Alexander Dobrindt wollte einst ein Politiker sein, der Klartext spricht und die Dinge beim Namen nennt. Vor 16 Jahren, als er noch CSU-Generalsekretär war, beschimpfte er die damaligen Koalitionspartner von der FDP als »Gurkentruppe« und nannte die Grünen eine »Protestsekte«. Damals haute der Bayer gern mal einen raus. Heute ist das anders.
Minister Dobrindt: Bloß nicht »Russland« sagen
Foto: Hannibal Hanschke / EPAAls Bundesinnenminister muss Dobrindt seine Worte wägen. Er tut das auf eine so vorsichtige, umständliche Art und Weise, dass es fast komisch wirkt.
Nachdem am Freitagvormittag NDR, WDR und »Süddeutsche Zeitung« über ein im vergangenen Jahr entdecktes Waffendepot in einem Wald nahe Berlin berichtet hatten, trat Dobrindt für ein Statement vor die Kameras. Er sprach in langen, komplizierten Sätzen, die kaschieren sollten, dass er am liebsten nichts gesagt hätte. Schon gar nicht darüber, wer die zwei Pistolen mit Munition dort versteckt haben könnte. Nur so viel: »Fremde Mächte« könnten es gewesen sein.
»Fremde Mächte« – davon sprach Dobrindt bereits, als er vor rund zwei Wochen nach den Auftraggebern des versuchten Drohnenanschlags auf ein ukrainisches Frachtflugzeug in Leipzig gefragt wurde (mehr hier ).
Wie bei der Sprengstoffdrohne deutet auch beim Waffenfund nahe Berlin einiges auf Moskau als Drahtzieher hin. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges unterhielt die Sowjetunion geheime Waffenlager in Westeuropa, auf die ihre Agenten bei Bedarf zugreifen konnten. Auch das bei Berlin gefundene Depot war womöglich für einen Anschlag vorgesehen. Dobrindt aber erwähnt das R-Wort kein einziges Mal, nicht einmal als Mutmaßung.
Der einstige Haudrauf lässt heute lieber Vorsicht walten. Zu groß ist offenbar die Sorge davor, den Konflikt mit Russland anzuheizen. Das Problem: Moskau dürfte die deutsche Zurückhaltung als Schwäche deuten. Seine eigenen Ambitionen verhehlt es keineswegs. Außenminister Sergej Lawrow sagte kürzlich: »Wir werden unsere Methoden deutlich verschärfen, um all das zu zerstören, was Kyjiws Kriegsmaschinerie aus dem Westen speist. Und wir tun dies bereits.«
Mehr Hintergründe: Bundesregierung erwägt Sanktionen gegen das Russische Haus in Berlin
Lernen von der Ukraine
Jens Plötner hat Deutschlands Rolle im Ukrainekrieg maßgeblich mitgeprägt. Als Wladimir Putin die Ukraine überfallen ließ, war Plötner außen- und sicherheitspolitischer Chefberater des damaligen Kanzlers Olaf Scholz (SPD). Er entschied mit darüber, ob und, wenn ja, welche Waffen Deutschland an Kyjiw liefert. Nach dem Regierungswechsel im vergangenen Jahr wechselte Plötner ins Verteidigungsministerium. Als Rüstungsstaatssekretär soll er die Aufrüstung der Bundeswehr vorantreiben.
Staatssekretär Plötner: »Natur des Krieges ändert sich ständig«
Foto: Doro ZinnPlötner ist vor wenigen Tagen aus der Ukraine zurückgekehrt. Es war sein erster Besuch in dem Land, seitdem er für Rüstungsfragen zuständig ist. Es muss eine eindrucksvolle Reise gewesen sein. So wirkt es jedenfalls im Interview, das Plötner meinen Kollegen Matthias Gebauer und Paul-Anton Krüger gab.
Eines sei ihm dort klar geworden: »Die Natur des Krieges in der Ukraine ändert sich ständig, und damit auch die militärischen und technologischen Herausforderungen«, sagt Plötner. »Wer sich am schnellsten anpassen kann, ist klar im Vorteil.«
Der gelernte Diplomat gibt selten Interviews. Das Treffen mit meinen Kollegen nutzte Plötner auch zur Verteidigung in eigener Sache. Zuletzt mehrten sich kritische Stimmen, die dem Verteidigungsministerium vorwerfen, Abermilliarden in veraltete Technologie zu investieren (mehr hier ). Plötner hält dagegen: »Panzer als Altmetall zu bezeichnen, führt doch in die Irre.«
Das ganze Interview hier: »Das läuft leider nicht so wie bei Ikea«
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Gewinnerin des Tages …
... ist die Schriftstellerin Caroline Wahl.
Autorin Caroline Wahl: »Alles mitnehmen«
Foto: Judith Jockel / DER SPIEGELWahls 2023 erschienenes Debüt »22 Bahnen« ist längst Schullektüre, seitdem hat sie mehr als 2,5 Millionen Bücher verkauft. Demnächst erscheint bereits ihr vierter Roman. Die 31-Jährige ist sehr erfolgreich und hat Geld, was für sich genommen kein Grund ist, sie zur Gewinnerin zu erklären. Was sie jedoch dafür qualifiziert: Wahl spricht über Erfolg und Luxus auf eine muntere, ungenierte Art, die gleichermaßen unterhält und zum Nachdenken anregt.
Meine Kollegen Xaver von Cranach und Elisa von Hof trafen Wahl zum Interview auf einem Campingplatz am niederländischen Ijsselmeer. Die Autorin reist seit ihrer Kindheit dorthin. Vielleicht lag es an der vertrauten Umgebung, dass es ein offenes, ehrlich anmutendes Gespräch geworden ist. Ihre bemerkenswerte Produktivität zum Beispiel erklärt Wahl so: »Als ›22 Bahnen‹ so erfolgreich wurde, war mir klar, ich will sofort nachlegen. Auch aus der Angst, wieder vergessen zu werden.«
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Svetlana Repnitskaya / Moment / Getty Images
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Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Wochenende.
Ihre Marina Kormbaki, stellvertretende Leiterin des SPIEGEL-Hauptstadtbüros
Facts Only
* The Chancellor visited Hürtgenwald in the Eifel, one day after a forest fire was extinguished there.
* The Chancellor mentioned the possibility of saying something regarding the situation following a summer press conference concerning heat and its victims.
* Alexander Dobrindt discussed reports about a weapons depot near Berlin, stating that "foreign powers" could be involved without naming Russia.
* Jens Plötner, a former advisor to Scholz and current defense official, noted that the nature of war is constantly changing.
* Plötner suggested that those who adapt fastest in military and technological challenges are in advantage.
* A former minister indicated caution when discussing the location of weapons, preferring not to mention Russia directly after reports of a weapons depot.
