Am Mittwoch wird in Den Haag das Urteil gegen die Führungsriege der UCK verkündet. Der Megaprozess zeigt, wie zentral die Schweiz für den Aufbau der Rebellenarmee war. Erstmals bricht nun ein Mann aus dem innersten Zirkel sein Schweigen. Er erzählt, wie von der Schweiz aus Geld, Material und Kämpfer mobilisiert wurden.
Mittwochabend im Kulturverein Atdheu in Bad Ragaz: Auf Flaggen und Plakaten prangt der schwarze Doppeladler. Rund drei Dutzend Männer und einige Kinder lauschen einer Rede und stimmen schliesslich in einen anschwellenden Sprechchor ein: «U-C-K! U-C-K!» – parallel zum Kampfruf halten die Männer Flaggen und Transparente der UCK hoch, wie Bilder und Videos des Abends zeigen.
Es ist über ein Vierteljahrhundert her, dass sich die Befreiungsarmee von Kosovo UCK aufgelöst hat. Doch in der kosovarischen Diaspora ist sie so präsent wie lange nicht mehr. Nicht nur in Bad Ragaz, auch in Basel, Uster oder Zürich gibt es Zusammenkünfte. «Liri per Clirimtaret», «Freiheit für die Befreier», lautet einer der Slogans.
Die Befreier, das sind Hashim Thaci und drei weitere ehemalige UCK-Kader. Thaci war Anführer der UCK, die im Kosovokrieg Ende der 1990er Jahre dank der Luftunterstützung der Nato den Sieg gegen die Serben errang. Er wurde später erster Ministerpräsident des neuen Balkanstaats Kosovo. Doch nun steht sein Erbe auf dem Prüfstand.
Seit fast sechs Jahren sitzt Thaci in den Niederlanden in Haft. Ihm und den drei Mitangeklagten werden vor einem Kosovo-Sondertribunal in Den Haag Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Sie trügen die Verantwortung für die UCK-Verbrechen, auch wenn sie diese nicht persönlich begangen hätten, so die Anklage. Die Rede ist von Greueltaten in Geheimgefängnissen. Es geht auch um Morde an Zivilisten in über 100 Fällen. Alle vier bestreiten die Vorwürfe. Serbische und jugoslawische Truppen waren für weitaus mehr Tote verantwortlich; mehrere ihrer Verantwortlichen wurden bereits verurteilt.
Das Urteil fällt am kommenden Mittwoch. Das Verfahren wirft auch ein Schlaglicht auf die Rolle der Schweiz. Denn kaum ein anderes westeuropäisches Land ist mit dem Aufstieg der UCK so eng verbunden.
Im Reisecar an die Front
In den 1990er Jahren trat in der Schweiz vor allem die LPK, die kosovo-albanische Volksbewegung, offen in Erscheinung. Es handelte sich um eine politische Organisation mit gewählten Funktionären, einer eigenen Zeitung in der Schweiz und einem weitverzweigten Netz in der Diaspora. Doch je näher der Kosovokrieg von 1998 und 1999 rückte, desto verschwommener wurde die Trennlinie zur Untergrundarmee UCK.
Die LPK sammelte Geld für die UCK, sie organisierte Material und mobilisierte Männer für den Kampf. 1999 berichteten Schweizer Medien, wie von Zürcher Aussenquartieren aus ein Reisecar nach dem anderen, voll mit jungen Männern, Richtung Balkan aufbrach. Als die Busse losfuhren, wurden jene Rufe skandiert, die heute wieder in Vereinslokalen im ganzen Land widerhallen: «U-C-K! U-C-K!»
Diese Dynamik spiegelt sich auch in den Verfahrensakten von Den Haag wider. Darin nennt etwa ein Zeuge die Namen von Männern, die in der Schweiz organisatorische Arbeit für die UCK leisteten. Genannt werden auch Strukturen in den Kantonen, Gruppen von Männern, die gemeinsam aus der Schweiz nach Albanien reisten, oder eine in Biel und Lausanne produzierte Zeitung, die UCK-Communiqués verbreitete.
«Die Schweiz war bei der Gründung der UCK von grösster Bedeutung.» So sagt es ein Mann, der heute in St. Gallen Taxi fährt. Und der einst zum innersten Zirkel rund um Hashim Thaci gehörte.
«Zehntausende haben gespendet»
Agush Buja – Turnschuhe, Jeans, blaue Regenjacke, weisses Haar und ein roter Kosovo-Anstecker an der Brust – ist Anfang sechzig. Seine Erzählungen bei einem Treffen diese Woche führen drei Jahrzehnte zurück. Buja war damals Sekretär der Auslandsführung der LPK. Ein hohes Amt zu einer Zeit, in der die kosovarische Politik vor allem aus dem Exil gemacht wurde. Würde er sich selber auch als UCK-Mitglied bezeichnen? «LPK und UCK kann man nicht auseinanderhalten», sagt Buja. Die bewaffnete Organisation sei ja «direkt aus dem Programm der LPK hervorgegangen».
Seit Anfang der 1980er Jahre habe man, auch in der Schweiz, mit Demonstrationen und politischer Arbeit versucht, Kosovo aus der jugoslawischen Herrschaft zu lösen. Über die Jahre sei dann der bewaffnete Kampf in den Vordergrund gerückt: «Wir wussten irgendwann: Wir müssen unsere Ziele anders erreichen.»
Buja war bereits in den 1980er Jahren in die Schweiz geflüchtet. Der spätere kosovarische Präsident Hashim Thaci lebte ab 1994 im Land, wohnte in Dietikon und studierte an der Universität Zürich osteuropäische Geschichte. Buja erzählt, er habe Thaci damals kennengelernt und «gefördert». «Ich habe ihn in einen albanischen Kulturverein in St. Gallen geholt.» Später sei der Kontakt intensiver geworden. Die beiden bewegten sich in einem Kreis, aus dem innerhalb weniger Jahre ein Teil der politischen und militärischen Elite Kosovos hervorging.
Eines der wichtigsten Kapitel dieser Geschichte beginnt in Winterthur. Dort traf sich bereits Anfang der neunziger Jahre eine Gruppe von Aktivisten und rief den sogenannten Heimatfonds (Vendlindja Therret) ins Leben. So kann man es in kosovarischen Oral-History-Berichten von Zeitzeugen nachlesen. Der Fonds wurde über die Jahre zum finanziellen Rückgrat der UCK und ermöglichte schliesslich ganz direkt den Kauf von Waffen und Munition.
Agush Buja war damals mit dabei und bestätigt die Erzählungen, die so in der Schweiz bisher nur wenigen bekannt waren. «Die Spitze der LPK traf sich 1993 im Saal eines Winterthurer Restaurants und hat eine zentrale Frage diskutiert: Wie sollte der Kampf finanziert werden?» Die Dimensionen des Fonds dürften vorübergehend enorm gewesen sein. Allein in der Schweiz, sagt Buja, habe es mehr als 1000 Personen gegeben, die berechtigt gewesen seien, Geld von der Diaspora einzusammeln. «Gespendet haben Zehntausende.»
Die Schweiz liess den kosovo-albanischen Aktivisten beträchtlichen Spielraum. Im Juli 1998, als der Kosovokrieg schon in vollem Gange war, wurde die Bundesanwaltschaft aktiv. Sie liess das Konto des Heimatfonds sperren. Buja wurde kurzzeitig verhaftet, seine Wohnung und das Büro des Fonds in Aarau durchsucht.
Die Ermittler befragten Buja. Er hatte einen grösseren Betrag nach Albanien geschickt. Ob damit Waffen gekauft worden seien? «Ich weiss es nicht», sagte er. Und er bleibt auch heute noch dabei. Das Geld sei für alles bestimmt gewesen, was die UCK und die Bevölkerung benötigt hätten: Essen, Kleider – «vielleicht auch Waffen». Das Konto wurde später wieder freigegeben und das Verfahren gegen Buja 2004 eingestellt. Auch in anderen Fällen von mutmasslichen Waffenkäufen kam es nie zu Verurteilungen durch den Bund, wie die Bundesanwaltschaft auf Anfrage schreibt. Dies unter anderem, weil Beschuldigte flohen oder in Albanien belangt werden konnten. Mehrere Fälle wurden an die Kantone abgegeben.
Eine Aktion, die in Kreisen ehemaliger Kosovo-Aktivisten heute noch erzählt wird, zeigt, wie man die Behörden damals täuschte. Anfang 1999 beschafften UCK-Unterstützer mehrere Dutzend ausgemusterte Schweizer Militärlastwagen und fuhren sie nach Albanien. Man liess es für die Behörden in der Schweiz und Italien so aussehen, als würden die Lastwagen einzig dem Transport humanitärer Güter dienen. Doch gemäss Aktivisten wurden sie in Albanien mit Waffen vollgeladen und schliesslich von den Bodentruppen in Kosovo für den Kampf genutzt.
Die richtige Seite der Geschichte
Die Schweiz spielt in der ganzen Geschichte eine bemerkenswerte Rolle. Sie gewährte Raum für die politische Arbeit der späteren UCK-Führer, beteiligte sich ab 1999 an der Nato-geführten Friedensmission Kosovo Force (Kfor) und anerkannte Kosovo 2008 bereits zehn Tage nach dessen Unabhängigkeitserklärung.
Gleichzeitig waren es ausgerechnet zwei Tessiner, die schwere Vorwürfe gegen die UCK ins Rollen brachten: die frühere Bundesanwältin und Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte und der mittlerweile verstorbene Europarat-Sonderberichterstatter Dick Marty. Ihre gerichtlich nie belegten Vorwürfe, wonach es auf kosovarischer Seite zu Organhandel gekommen sein soll, sind indes nicht Teil der Anklage gegen Thaci.
Am Mittwoch fällt in Den Haag ein Urteil, das die Debatte über das Erbe der Rebellenarmee UCK prägen wird. Agush Buja sieht sich und seine damaligen Weggefährten auf der richtigen Seite der Geschichte. Nach der Pensionierung als Taxifahrer möchte er seine Memoiren schreiben. Je länger der Krieg zurückliegt, desto wichtiger ist es ihm, seine Version festzuhalten.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
