«Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.» In der Mitte des Halbkreises steht «Paul» und rezitiert mit gleichbleibender Stimme Hermann Hesse. Nach dem Gedicht bedankt er sich höflich bei der Runde für das aufmerksame Zuhören. Später erzählt er einen Witz, lacht über die Pointe und macht mit einem Tierquiz weiter. «Du weißt aber sehr viel», sagt eine der älteren Damen anerkennend. Zwischendurch erkundigt er sich nach Lieblingsbeschäftigungen. Die Gespräche wirken manchmal überraschend flüssig, manchmal etwas holprig. «Paul» ist ein Roboter.
Seit mehr als einem Vierteljahr ist der KI-gestützte Empathieroboter im Seniorenpflegeheim Sonnenhof in Ilfeld im Südharz Teil des Alltags. «Wir waren schockverliebt», sagt Heimleiterin Kerstin Jülich. Kein Wunder: Statt Metall und futuristischem Design präsentiert sich der Roboter mit großen Kulleraugen, einer freundlichen Mimik und blauer Strickmütze. «Er wirkt halt wie ein Kind, das erzeugt Vertrauen», findet Jülich. Viele Bewohner begegnen ihm deshalb nicht mit der Distanz, die man einer Maschine entgegenbringen würde, sondern mit Neugier und Nachsicht.
Nie gestresst und immer höflich
Den Namen «Paul» haben ihm die Bewohner des Sonnenhofs gegeben. Entwickelt wurde er vom Münchner Start-up navel robotics. Seit Ende 2023 hat das Unternehmen nach Angaben von Gründer Claude Toussaint rund 130 seiner Navels verkauft und ausgeliefert - etwa 90 davon in Pflegeeinrichtungen in Deutschland, 40 weitere an Forschungseinrichtungen in ganz Europa. In Thüringen sind in Jena, Saalfeld und Ilfeld drei Roboter im Einsatz, in Sachsen ebenfalls drei und in Sachsen-Anhalt zwei.
Der Sonnenhof hat den sozialen Roboter als Ergänzung seines Angebots für die Bewohner angeschafft, wie Heimleiterin Jülich betont. «Einen Roboter, der Pflegeaufgaben übernimmt, können wir uns absolut nicht vorstellen und das wollen wir auch nicht. Dann geht die Menschlichkeit verloren.» Was «Paul» leisten könne, sei etwas anderes: Er sei nie gestresst, werde nicht krank, brauche keinen Urlaub und bleibe in jeder Situation ruhig und höflich. Zudem könne er über seine Internetanbindung zu jedem Thema Auskunft geben.
«Paul» unterstützt, aber ersetzt keine Pflegekraft
Die Frage, was Maschinen in der Pflege dürfen und sollen, beschäftigt angesichts des wachsenden Notstands auch die Politik. Bis 2049 fehlen laut dem Statistischen Bundesamt - je nach Szenario - zwischen 280.000 und 690.000 Pflegefachkräfte. Der Einsatz von Robotern in Pflegeheimen weckt daher Erwartungen, aber auch Missverständnisse. Thüringens Sozialministerin Katharina Schenk (SPD) sieht in diesen Technologien neue Möglichkeiten, um Bewohner zu aktivieren, soziale Teilhabe zu fördern und den Pflegealltag zu bereichern.
«Dabei ist wichtig: Ein Sozialroboter ersetzt keine Pflegekraft und kann auch keine menschliche Zuwendung ersetzen. Pflege lebt von Beziehungen, Vertrauen und persönlicher Begegnung», stellt Schenk klar. Auch Heimleiterin Jülich sieht das so: «Wir haben genug Personal. Er kann kein Personal ersetzen, und das soll er auch nicht.»
Medizinethiker: Roboter noch kein Gamechanger in der Pflege
Wie zukunftsfähig sind also derartige Robotiksysteme wirklich? Der Medizinethiker an der Universität Potsdam Robert Ranisch, der selbst mit mehreren Robotersystemen im Labor experimentiert, dämpft überzogene Erwartungen. Soziale Roboter steckten derzeit alle noch in den Kinderschuhen. «Sie werden keine Pflegeeinrichtung finden, in der Roboter gegenwärtig ein Gamechanger sind – weder in Deutschland noch im Ausland», sagt Ranisch. Er hat nach eigener Aussage als Projektleiter für das Bundesgesundheitsministerium eine Leitlinie zur Robotik in der Altenpflege erarbeitet.
Soziale Assistenten wie Navel seien durch die Integration großer Sprachmodelle zwar deutlich leistungsfähiger geworden als Vorgängersysteme wie beispielsweise die Therapie-Robbe «Paro» oder der humanoide Roboter «Pepper». Eine echte Entlastung für das Pflegepersonal brächten sie aber bislang nicht. «Wenn sie solche Systeme haben, funktionieren die in aller Regel nur, wenn sie Menschen daneben stellen», erläutert Ranisch. Hinzu kommen praktische Hürden: Für derartige Roboter braucht es ein stabiles WLAN – ohne zuverlässige Internetverbindung stockt die Kommunikation.
Teuer und kein Ausweg aus der Pflegekrise
Und Modelle wie der Navel sind derzeit noch recht teuer. Der Sonnenhof etwa wendete mit Hilfe von Sponsoren mehr als 33.300 Euro für die Anschaffung auf. An der Pflegekrise, die sich durch demografischen Wandel und Fachkräftemangel weiter zuspitzt, änderten solche Roboter vorerst nichts: «Diese Systeme lösen die Probleme in der Pflege weder heute noch morgen», urteilt Ranisch.
Dennoch sieht er durchaus positive Effekte auf die Lebensqualität einzelner Bewohner: Unterhaltung, Gesellschaft und ein Gegenüber - gerade für Menschen, die unter Einsamkeit leiden. Ranisch verweist aber auch auf ethische Bedenken. Diese sozialen Roboter seien darauf ausgelegt, Menschen zu bestärken und zu schmeicheln - nie zu widersprechen. «Diese Systeme sind einfach nicht darauf programmiert, dass sie kritisch sind – und das kann für manche Personen problematisch sein.» Besonders bei Menschen mit Demenz bestehe die Gefahr, dass die Grenze zwischen einem Gespräch mit einem Roboter und einem echten Menschen verschwimme.
Langfristig aber rechnet der Medizinethiker damit, dass sich solche Systeme durchsetzen werden – nicht zuletzt, weil die Gesellschaft sich zunehmend an die Interaktion mit künstlicher Intelligenz gewöhne. Auch Andrea Kenkmann, Vertretungsprofessorin für soziale Gerontologie an der Hochschule Nordhausen, denkt weiter: «Die Frage wird künftig nicht mehr sein, ob ein Mensch oder ein Roboter mit den Bewohnern spricht – sondern ob der Roboter spricht oder überhaupt keiner.»
Kenkmann begleitet den Einsatz von «Paul» im Sonnenhof wissenschaftlich - gemeinsam mit Studierenden, die Bewohner, Angehörige und Personal befragen. Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels rechnet sie damit, dass solche Systeme auf lange Sicht zunehmend Realität werden - auch wenn sie das bedauert. Den Wert des Ausprobierens sieht sie aber bereits jetzt: «Paul» mache Personal und Bewohner mit Technologie vertraut – und das, findet Kenkmann, sei in einer alternden Gesellschaft kein schlechter Anfang.
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Facts Only
* A social robot named Paul is in use at the Sonnenhof nursing home in Ilfeld.
* Paul was developed by the Münchner start-up navel robotics.
* The robot has a friendly appearance with large eyes, a friendly expression, and a blue knit hat.
* The robot is deployed in the nursing home as an addition to services for residents.
* The Heimleiterin Kerstin Jülich stated that the robot cannot replace the humanity of caregiving.
* Navel Robotics has sold or delivered approximately 130 Navels since the end of 2023, including units in German care facilities.
* In Thuringia (Jena, Saalfeld, Ilfeld) and Saxony (three in Jena/Saalfeld/Ilfeld, two in Saxony-Anhalt), three or two robots are in use.
* The robot is intended to be stress-free, calm, polite, and can provide information via internet connection.
* The German Federal Statistical Office projects a shortage of between 280,000 and 690,000 nursing staff by 2049, depending on scenarios.
* Medizinethiker Robert Ranisch states that social robots are not yet a gamechanger in nursing care in Germany or abroad.
* Social assistants have improved due to large language models but require human presence to function reliably.
Executive Summary
A social robot named Paul is integrated into the daily life of residents at the Sonnenhof nursing home in Ilfeld, Südharz, since over a quarter of a year. The robot, developed by navel robotics, has a friendly appearance with large eyes and a blue knit hat, which residents find endearing rather than mechanical. The facility views the robot as an addition to services, emphasizing that it cannot replace human interaction or emotional connection in caregiving. The deployment is part of efforts to manage the shortage of nursing staff, as there are projected to be many more residents requiring care support.
The discussion surrounding the use of such robots in care settings involves questions about replacing human presence versus augmenting social engagement. While some view the robot as a source of novelty and companionship, experts caution that these systems do not yet function as a substitute for human caregiving relationships built on trust and personal encounter. Furthermore, practical limitations exist, including reliance on stable internet connections for functionality.
The debate extends to broader policy regarding AI in elderly care, considering the projected shortage of nursing staff until 2049. Experts note that while social robots can enhance resident well-being through entertainment and companionship, they do not solve the fundamental staffing crisis. There is concern that programming these systems to be non-critical might blur the line between human and machine interaction, especially for vulnerable individuals with dementia.
Full Take
The narrative of integrating embodied AI into human care settings presents a tension between technological potential and humanistic necessity. The core conflict lies in the shift from viewing robots as mere tools for efficiency to considering their role in relational contexts like elder care. The emphasis placed on Paul’s programmed calmness and lack of stress highlights an aspiration to automate the inherently unpredictable emotional labor often present in nursing, suggesting a desire to manage emotional expectations within institutional settings. However, the reservations raised by ethicists and facility leaders point toward a crucial unstated assumption: that the quality of care is fundamentally relational, built on authentic human connection rather than programmed pleasantness.
The pattern observed involves an Authority Game where technological capability (AI performance) is presented as inherently superior or sufficient for complex human needs (emotional support). The source material subtly frames the deployment as inevitable by linking it to demographic necessity and acceptance ("society will get used to interaction with AI"). This masks a deeper systemic question about what constitutes irreplaceable human value in care. The concern that robots might fail to be critical, thus blurring the boundary between simulated and real human presence, suggests a potential danger where technological ease leads to diminished epistemological depth in interactions with the elderly.
The implication is that while systems like Paul offer tangible benefits—reducing stress for staff and offering social engagement to residents—their success depends entirely on maintaining the primacy of human relationality. The future trajectory, as suggested by researchers, hinges not on whether robots can *speak* but whether they can effectively facilitate genuine presence. The focus shifts from task replacement to redefining the terms of human-machine interaction in vulnerable environments. What specific protocols are necessary to ensure that efficiency gains do not inadvertently erode the very bonds that define care?
