Der Mehrkampf an den EM in Birmingham bot zwei Tage lang grosses Spektakel. Am Ende stand das Duell zweier deutscher Weltmeister.
Es ist das Traum-Drehbuch eines jeden Zehnkampfs: Dass die letzte Disziplin nach dem zweitägigen Abnützungskampf über die Krone entscheidet. An den Europameisterschaften in Birmingham wurde dieser abschliessende 1500-m-Lauf zum deutschen Duell. Der Weltmeister von 2025, Leo Neugebauer, lag 154 Punkte vor dem Weltmeister von 2019, Niklas Kaul, welcher der deutlich bessere Mittelstreckenläufer ist.
Es folgte genau das dramatische Finale, welches die Ausgangslage versprochen hatte. 23 Sekunden durfte Neugebauer auf Kaul verlieren, vier Sekunden rettete er am Ende ins Ziel, doch man kann nicht behaupten, dass er dorthin rannte: Es schmerzte schon beim Zusehen, wie er sich in Richtung Ziellinie schleppte, ja fast torkelte, und sich darüberfallen liess. «Die letzte Runde hat richtig weh getan, am Ende haben die Beine einfach aufgegeben», sagte Neugebauer später in der Mixed Zone, als der 2,01 grosse Modellathlet bereits wieder entspannt und erfrischt aussah.
Der spannungsgeladene Schlusspunkt passte zum gesamten Zehnkampf, den Neugebauer als «Nonstop-Kampf» und «verrückt» beschrieb. Auf der positiven Seite verbuchte er zweimal einen Europa-Meisterschaftsrekord innerhalb eines Zehnkampfs, im Kugelstossen (17,13 m) und Diskuswerfen (54,31 m).
Der Stabhochsprung jedoch verkam zur Farce. Während bei Kauls Gruppe alles normal lief, stellten die Kampfrichter bei Neugebauers Gruppe fest, dass sie die Latte statt auf 4,80 nur auf 4,70 m gelegt hatten – nachdem alle gesprungen waren, über Mittag und bei 35 Grad. Die Latte wurde also neu aufgelegt, Neugebauer riss die ersten beiden Versuche.
Dann wurde bemerkt, dass bei Neugebauer und einem weiteren Athleten nun auch die individuell angepassten Abstände der Stangen auf der Anlage falsch eingestellt worden waren. «So etwas habe ich noch nie erlebt», sagte der 26-Jährige im Nachgang. Er riss auch den dritten Versuch und durfte unter Protest noch einmal springen. Diesmal überquerte er die Höhe und danach auch noch 4,90 m. «Ich nehme daraus mit, dass ich auch in solchen Situationen cool bleiben kann und die Nerven bewahre.»
Sein Lebensmittelpunkt sind längst die USA
Neugebauer holte den Titel bei seiner ersten EM-Teilnahme. Er lebt schon lange nicht mehr in Europa, zog 2019 mit 19 Jahren in die USA nach Austin, Texas, weil er dort am College Sport und Wirtschaftsstudium optimal kombinieren konnte. Eine andere Welt für den Teenager nach seinem kleinen Verein LG Leinfelden-Echterdingen in der Nähe von Stuttgart. Mit dem Studium ist er längst fertig, ist aber in Texas geblieben und darf nach wie vor bei besten Bedingungen in Austin trainieren.
In Deutschland wurde er über Nacht berühmt, als er bereits in den USA lebte: Als er 2023 die NCAA-College-Meisterschaft gewann, brach er den 39 Jahre alten Deutschen Rekord, den davor Jürgen Hingsen hielt. Mittlerweile hat Neugebauer seine persönliche Bestleistung auf 8961 Punkte geschraubt, womit er die Nummer 6 der ewigen Welt-Bestenliste ist. Zudem hat er an den Olympischen Spielen 2024 in Paris die Silbermedaille gewonnen.
Niklas Kauls Bestleistung liegt seit sieben Jahren bei 8691 Punkten. Sie stammt aus dem Jahr, als er in Doha Weltmeister wurde; mit 21 Jahren ist er immer noch der jüngste Athlet, dem das gelungen ist. Die Silbermedaille in Birmingham ist für den 28-Jährigen der grösste Erfolg seit seinem EM-Titel 2022 in München.
Mit der knappen Niederlage (8611 versus 8573 Punkte) haderte Kaul nicht. Er habe in den vergangenen Jahren gelernt, zufrieden zu sein und seine Erfolge wertzuschätzen. Nicht mehr verkrampft dem Erfolg nachzurennen, wie er es etwa bei der ersehnten Medaille an Olympischen Spielen getan hatte. «Dass ich nun in diesem Rahmen noch einmal eine Medaille holen durfte, ist sehr schön», sagte Kaul am späten Donnerstagabend.
Die beiden Kontrahenten aus demselben Team verstehen sich gut, wie das bei Zehnkämpfern so üblich ist. Auch wenn Kaul im Vergleich zu Neugebauer ein viel zurückhaltender Typ ist. Neugebauer unterhält als «Leo the German» auf Instagram 600 000 Follower im Stile eines Sonnyboys, postet Rezepte oder filmt sich beim Baden, wobei er gleichzeitig noch nach einer Begleitung sucht. Und ganz sicher wird auch das dramatische Finale in Birmingham bald seinen Platz in der Timeline bekommen.
Facts Only
* Leo Neugebauer and Niklas Kaul competed in the European Championships in Birmingham.
* The final discipline, the 1500m run, decided the outcome between the two athletes.
* Neugebauer started with a lead of 154 points over Kaul (who is noted as a better middle-distance runner).
* Neugebauer lost 23 seconds to Kaul in the final race but gained four seconds at the finish line.
* Neugebauer set two European Championship records: 17.13 m in shot put and 54.31 m in discus throw.
* During the high jump, the height bar for Neugebauer's group was changed from 4.80 m to 4.70 m after all jumps were completed.
* The distance settings for Neugebauer's group's poles on the apparatus were also found to be incorrectly set.
* Neugebauer successfully jumped over 4.90 m during later attempts at the high jump.
* Leo Neugebauer achieved a total score of 8961 points, placing him sixth on the all-time world list.
* Niklas Kaul's best performance is 8691 points.
* Neugebauer moved to the USA in 2019 and achieved the NCAA College Championship in 2023.
* Kaul won a silver medal at the Olympics in Birmingham.
Executive Summary
Full Take
Sentinel — Human
The text reads like a human-written sports feature that blends factual competition results with narrative commentary and personal anecdotes from the athletes.
