Skip to content
Chimera readability score 0.6467 out of 100, reading level.

Die Peter-Magyar-Formel: So schlägt man Autokraten
Der rechtsliberale Oppositionsführer in Ungarn hat gute Chancen, Viktor Orban aus dem Sattel zu heben. Keine Kleinigkeit nach sechzehn Jahren zunehmend autokratisch geprägter Regierungszeit. Doch Magyar folgt vier Punkten, um den Alleinherrscher zu besiegen.
Dienstagabend, 19 Uhr 30, Fernsehsender M1. Die ungarische Version der «Tagesschau» beginnt. Der Moderator büschelt seine Papiere, im Hintergrund strahlt das Parlamentsgebäude in Budapest. Wer dem Herrn im blauen Anzug zuhört und sich nicht mit Ungarn auskennt, könnte meinen, das Land befinde sich im Krieg. Mit einem Mann namens Peter Magyar. Der baue ein «ukrainisches Aussenministerium» in Ungarn auf, er sei ein «ausländischer Agent», der von der EU und der Ukraine gesteuert werde. In Wahrheit gibt es in Ungarn keinen Krieg, sondern nur Propaganda.
Am 12. April wird in Ungarn gewählt. In den vergangenen sechzehn Jahren war das meist eine langweilige Angelegenheit, weil niemand Viktor Orban und seiner rechtspopulistischen Fidesz-Partei wirklich gefährlich werden konnte. Orban hat ab 2010 daran gearbeitet, das EU-Land Ungarn in eine Autokratie zu verwandeln, die den Republikanern in den USA als Prototyp dient. Medien wurden aufgekauft und gleichgeschaltet, Schlüsselpositionen in Justiz, Kultur und Wissenschaft mit loyalen Gefolgsleuten besetzt. Das System kennt nur ein Ziel: die Macht Orbans sichern.
Doch dann kam Peter Magyar, ein Mann, den vor zwei Jahren noch niemand kannte und der jetzt in den Umfragen bis zu zehn Prozentpunkte vor Orban liegt. Er scheint eine Formel gefunden zu haben, wie man eine Autokratie von innen knacken kann – und aus der viele Länder womöglich etwas lernen können.
Faktor 1: Sei der Systembrecher
Peter Magyar hat die ungarische Bevölkerung davon überzeugt, nicht (mehr) Teil eines Systems zu sein. Das ist ihm gelungen, weil sich kaum eine Geschichte dafür besser eignet als die von Magyar selbst.
Bevor Magyar, dessen Nachname auf Deutsch schlicht «Ungar» bedeutet, Politiker wurde, gehörte er selbst zum inneren Kreis von Fidesz. Er diente als ungarischer Diplomat in Brüssel, bekleidete Führungspositionen in der staatlichen MBH-Bank und war mit der ehemaligen Justizministerin verheiratet. Der Bruch kam nach einem Skandal, bei dem ein Mann begnadigt wurde, der geholfen hatte, Kindesmissbrauch zu vertuschen. Magyar erklärte, er könne nicht länger «Teil dieses korrupten Systems» sein.
Im April 2024 stieg er bei der Partei Tisza ein, die politisch der rechten Mitte zugeordnet werden kann. Zwei Monate später holte sie bei den Europawahlen fast ein Drittel der Wählerstimmen.
Faktor 2: Sei volksnah
Magyar stammt aus bester Budapester Familie. Der Grossonkel war Staatspräsident, der Grossvater Richter am Obersten Gerichtshof. Einen Volkstribun würde man in ihm nicht vermuten.
Doch wer eine seiner Wahlkampfveranstaltungen besucht, wird eines Besseren belehrt. Magyar läuft durch die Menge, schüttelt Hände, macht Selfies, klettert für seine Reden auf die Ladefläche eines alten Transporters und singt dann Arm in Arm mit den Menschen in den vordersten Reihen ungarische Klassiker.
Magyar hat vor zwei Jahren mehr als 150 Dörfer und Städte besucht. Letztes Jahr marschierte er 300 Kilometer von Budapest bis ins rumänische Oradea, wo viele ethnische Ungarn leben. Bisher kümmerte sich kaum ein Oppositioneller um sie. Orban gab ihnen ungarische Pässe und karrt sie seither mit Bussen in die Wahllokale, damit sie für ihn stimmen.
Jetzt ist Magyar wieder auf Tournee und hält bis zu neun Reden am Tag. Egal, wie klein das Dorf ist, Magyar weiss bestens über die lokalen Probleme Bescheid. So stand er vor wenigen Tagen in Törtel, einem 4000-Seelen-Dorf in der Puszta, und sprach über die zerlöcherte Strasse ins Nachbardorf, die nie repariert wurde, oder das verfallene Thermalbad am Ortsrand.
Mit seinen 45 Jahren ist er für einen Politiker relativ jung und gutaussehend. Und er spricht die Sprache der Ungarn: In einem Satz benutzt er den schwarzen Humor, den sie so lieben («Wir werden bald ins Parlament einziehen, wenn Orban es bis dahin nicht auch seinen Freunden verkauft»), im nächsten ein berühmtes Zitat aus einem Gedicht des ungarischen Freiheitskämpfers Sandor Petöfi («Ein Meer hat sich erhoben, auf bäumt sich seine Flut!»). Und zuletzt ein Fluchwort, von denen die ungarische Sprache so viele hat (unübersetzbar).
Viele berichten, dass Magyars Veranstaltungen mehr als nur Wahlkampfreden seien. Sie zeigen, dass eine Alternative existiert, dass es etwas zu gewinnen gibt. Die Menschen, die kommen, sind sichtbar und laut, sie haben das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein.
Faktor 3: Beherrsche die (neuen) Medien
Wer Orban besiegen will, kämpft gegen eine mediale Übermacht. Staatliche Medien wurden mit Parteitreuen besetzt, die grossen Zeitungen und privaten Fernsehsender gehören Fidesz, die Plakatwerbeflächen Orbans Freunden. Auf ungarischen Strassen sieht man ständig das Gesicht von Magyar, Selenski oder Ursula von der Leyen, gepaart mit Sprüchen wie: «Sie sind das Risiko. Fidesz die sichere Wahl.»
Fidesz hat seit je Feindbilder gebraucht. Sie wandelten sich im Laufe der Zeit, von Linken und Liberalen über Migranten bis hin zur EU und zur Ukraine. Die Rhetorik wurde immer extremer: Mittlerweile laufen im staatlichen Fernsehen KI-generierte Clips, zum Beispiel von einem kleinen Kind, das seine Mutter fragt, wo sein Papa sei – der dann auf einem Schlachtfeld auf Knien erschossen wird. «Im Krieg gibt es nur Verlierer. Gehen wir das Risiko nicht ein», liest man am Schluss.
Einen Kanal hat Fidesz jedoch nicht im Griff: Social Media. Peter Magyar wiederum umkreisen stets mehrere Kameraleute wie Satelliten, jeder Auftritt wird gestreamt. Seine Posts gehen viral, viele Ungarn wurden erst durch Facebook auf ihn aufmerksam. Sie informieren sich bewusst nur noch online, weil sie wissen, was sie sonst bekommen: staatliche Propaganda.
Faktor 4: Nimm das Gute von deinem Gegner
Dass sich Orban so lange an der Macht halten konnte, liegt nicht nur daran, dass er Wahlkreise zu seinen Gunsten umgezeichnet hat oder Rentnern vor den Wahlen Zustüpfe an ihre Stromrechnung bezahlt. Fidesz und ihre Politik sind tatsächlich sehr beliebt im Land.
Viele trauern dem alten Grossungarn hinterher, den Zeiten, als ihre Sprache Weltliteratur hervorbrachte und ihr Land zur wissenschaftlichen Elite gehörte. Ein nationales Trauma, das sich heute an Grossungarn-Stickern auf Autohecks manifestiert. Linke Politiker lehnen viele ab, die Erinnerung an die korrupten Kommunisten sitzt zu tief.
Fidesz bediente diese Sehnsüchte geschickt. Sie versprach Stabilität, nationalen Stolz und eine Abkehr von der liberalen Westpolitik, die viele als Bedrohung der ungarischen Identität empfanden. Auch die Wirtschaft brummte: Ausländische Konzerne wurden mit Subventionen und billiger russischer Energie ins Land gelockt, die Mittelschicht mit grosszügiger Familienförderung gebunden. Löhne und Wohlstand stiegen.
Doch das Modell hat einen Haken: Es wird hauptsächlich mit EU-Subventionen finanziert. Seit der letzten Wahl hält die EU jedoch Milliarden wegen Bedenken über mögliche Korruption zurück. Wohl berechtigterweise: Im Sommer des vergangenen Jahres tauchte ein Video auf, das Orbans Anwesen zeigte, einen Luxuspalast mit opulenten Gärten, Marmorpools, Zebras und Antilopen. Solange es den Leuten gut ging, ignorierten sie solche Dinge. Doch die Preise in Ungarn stiegen in den letzten Jahren rasant an.
Vom einstigen Orban, der als junger Liberaler gegen das korrupte System der Postkommunisten kämpfte, ist nicht mehr viel übrig. Peter Magyar hat das verstanden. Er versucht nicht, Orbans Politik zu bekämpfen, wie es die Herausforderer vor ihm taten. Stattdessen verkörpert er, was Orban einmal war. Magyar verspricht ein Ende der Korruption und der Vetternwirtschaft, eine Annäherung an die EU, die Abkehr von Russland. Eine LGBTQ-Flagge wird man ihn trotzdem kaum schwingen sehen. Das macht ihn auch für enttäuschte Fidesz-Wähler wählbar.
Um wirklich etwas ändern zu können, brauchte Magyar eine Zweidrittelmehrheit. Ohne sie keine Verfassungsänderung, kein Umbau der institutionellen Architektur, die Fidesz in sechzehn Jahren errichtet hat. Erschwerend kommt hinzu, dass das Wahlsystem den Amtsinhaber begünstigt: Tisza braucht mehr Stimmen als Fidesz, um zu gewinnen.
Vielleicht hat auch die beste Anti-Autokratie-Formel ihre Grenzen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

Facts Only

Tisza is challenging Fidesz in Hungary
Peter Magyar is a key figure in Tisza
Magyar distances himself from previous confrontational tactics
Focuses on anti-corruption, EU alignment, moving away from Russia
Challenges include winning more votes than Fidesz and making constitutional changes within the current political structure
A video surfaced showing Orbán's luxurious estate, raising concerns about corruption

Executive Summary

In Hungary, an opposition party named Tisza is challenging the ruling Fidesz party led by Viktor Orbán. The article highlights the efforts of Peter Magyar, a key figure in Tisza, to distance himself from confrontational tactics used by previous challengers and instead focus on anti-corruption, EU alignment, and moving away from Russia. However, he faces challenges including winning more votes than Fidesz and making constitutional changes within the current political structure. The article also mentions a video that surfaced showing Orbán's luxurious estate, which has raised concerns about corruption.

Full Take

The article presents a narrative of political change in Hungary, with Tisza challenging the ruling Fidesz party. Peter Magyar, a key figure in Tisza, is portrayed as taking a different approach than previous challengers by focusing on anti-corruption, EU alignment, and distancing from Russia. However, this strategy faces challenges, including overcoming Fidesz's advantage in the electoral system and making constitutional changes within the current political structure. The article also highlights a video of Orbán's luxurious estate that has raised questions about corruption.
Steelman: The narrative presents Tisza as a legitimate opposition party challenging the entrenched power of Fidesz, with Peter Magyar leading a more moderate approach to political change in Hungary.
Patterns detected: ARC-0043 Motte-and-Bailey, ARC-0024 Ambiguity (the article presents a complex situation without fully committing to any single narrative or solution)
Root Cause: The political dynamics at play reflect the struggle between established power and opposition in Hungary.
Implications: Depending on the outcome, this could result in a shift in political leadership or a reinforcement of the status quo.
Bridge Questions: What role does public perception of corruption play in voter decisions? How can Tisza overcome the structural advantages of Fidesz in Hungary's electoral system?
Counterstrike Scan: The article does not present signs of being part of a coordinated influence campaign. It appears to be a news report about ongoing political events in Hungary.