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Project Gutenberg

Das Bücher-Dekameron Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur

Edschmid, Kasimir

2015deGutenberg #48040Original source

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KASIMIR EDSCHMID:




                                 DAS
                               BÜCHER-
                              DEKAMERON


                                 Eine
                           Zehn-Nächte-Tour
           durch die europäische Gesellschaft und Literatur

                            Zweite Auflage

                   ERICH REISS VERLAG / BERLIN 1923

                Geschrieben im Juli und halben August
                    Neunzehnhundertzweiundzwanzig

                 Copyright by Erich Reiß Verlag 1922




                                INHALT


                           Erster Vormittag
                             DEUTSCHLAND
                               SEITE 9

                           Die erste Nacht
                               DEUTSCHE
                               SEITE 41

                           Die zweite Nacht
   FILM · THEATER · SCHAUSPIELER · REGISSEURE · ESSAYISTEN · LEBENDIGE
                               SEITE 69

                           Die dritte Nacht
              BIBLIOTHEK (ABER DAS LEBEN IST HERRLICHER)
                               SEITE 95

                           Die vierte Nacht
                                SATIRE
                              SEITE 121

                           Die fünfte Nacht
                        KUNST UND GESELLSCHAFT
                              SEITE 145

                          Die sechste Nacht
                        POLITISCHE DICHTUNG??
                              SEITE 185

                          Die siebente Nacht
                             NEUE SCHULEN
                              SEITE 227

                           Die achte Nacht
                              DIE ANDERN
                              SEITE 251

                           Die neunte Nacht
                             UND EUROPA??
                              SEITE 267

                           Die zehnte Nacht
                              MIJNHEER!
                              SEITE 297

                          Letzter Vormittag
                             GELASSENHEIT
                              SEITE 301




Erster Vormittag


Mijnheer, wir sind eingeschneit.

Von den Spießhörnern bis zur Todtnauer Hütte jagt der Schneesturm schon
den dritten Tag. Das Zastler Loch ist verhüllt und um Herzogenhorn ballt
sich die Schneeflut zu neuem Angriff. Zum Bärental häuft sich der Schnee
schon wie Meer. Als ich zuletzt Sie traf in ähnlicher Lage, war es am
Brenner, Sie kamen mit Wolken Schnee auf breiten Eschenbrettern herauf,
ich schnallte die Hickorys, um in die Schweiz zu fahren, und die schon
fast italienische Sonne glühte über Tirol das Gebirge zu Metall.

An diesem Tag zog D'Annunzio mit seinen Freischaren nach Fiume, heut
empfängt er den russischen Volksbeauftragten Tschitscherin. Was ich an
dem blitzkurzen Tag Ihnen damals sagte, steht in der »Doppelköpfigen
Nymphe«. Was macht es, solange meine Landsleute sich mit seinem Ja und
Nein nicht lernend auseinandersetzen? Habe ich recht behalten oder
nicht? Wie hat in der Zwischenzeit das Karussell der Zeit sich
umgedreht!

Finden Sie Boden in diesem Mosaik, das mit Pferden und Menschen und
Schreien um die eigne Achse sich ohne Pause dreht? Damals schoß man in
Haufen auf den Straßen um Weltanschauungen. Heute doziert in Offenburg,
während die Witwe geladen ist, der Staatsanwalt an Erzbergers
präpariertem Schädel den Bauern-Geschworenen mit dem Bleistift die
Einschußrichtungen seiner Mörder. In den Festungen sitzen nach dem
Proletarischen hin ausgeschwärmte Dichter. Feldherren des Kaisers nehmen
Paraden ab über die Truppen der Republik. Auf dem Rhein flitzen
belgische Kanonenboote, auf keinem der Dampfer zwischen Mainz und Bingen
sehen Sie die Farbe Schwarz-Rot-Gold. Die Bäder der deutschen
Ostsee-Küste sind zwischen den Strandkorbburgen millionenhaft mit den
Fahnen des Kaiserreichs beflaggt. Der erste deutsche Botschafter in
Amerika übergibt seine Beglaubigung im Namen von »The German Empire«,
und man antwortet ihm in Washington, er meine wohl seine Republik. In
Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert: vivat Rupertus
Rex. Der Reichspräsident, der München besucht, erhält feierlich am
Bahnhof unter Gepfiff eine rote Badehose gereicht.

Sie interessieren sich nicht für Politik?

Ich auch nicht.

Es ist unsere Zeit aber Mijnheer. Das ist der Boden, den wir treten, das
sind die Wolken, unter denen wir atmen. Wo schieben sich ähnlich
knisternd Begriffe und Revolten und erlauchte Traditionen durcheinander!

Zwei Stunden nördlich übers Gebirge, in Baden-Baden, endigte früher die
bevorzugte Schnellzugslinie von Paris. Hier fuhr als Dauphin Eduard der
Siebente in Hemdsärmeln vierspännig den Blumenkorso über die
Lichtenthaler Allee, führte Prinz Hamilton am blauen Band ein Schwein
als Wette durch den Kurgarten, sauste der britische Hoftroß mit
Bettlaken nachts in Droschken zum alten Schloß, Gespenster für harmlose
Passanten zu spielen. 

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